Entschädigung – Wofür?

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Absturz Germanwings Flug 4U9525

Absturz Germanwings Flug 4U9525

Seit Tagen wird über das Angebot der Lufthansa diskutiert, den Hinterbliebenen von Flug 4U9525 der Germanwings eine Entschädigungszahlung von 25.000 € für jedes Opfer und zusätzlich jeweils 10.000 € für die nächsten Angehörigen in Deutschland auszubezahlen. Hinzu kommen die 50.000 €, die der Lufthansa-Konzern bereits als Soforthilfe für jedes Opfer zahlte.

Wir lehnen das Angebot ab, weil die Hinterbliebenen es als unangemessen empfinden,

sagte der Berliner Anwalt Elmar Giemulla. Nach eigenen Angaben vertritt er 35 Opfer-Familien.

Die juristische Schlacht hat begonnen – die ethischen Fragestellungen scheinen da nur am Rande zu interessieren. Doch ethische Fragen der Entschädigung werden nicht jetzt erst virulent. Über Entschädigungen wird und wurde bereits in unterschiedlichen Kontexten diskutiert. Ein Blick in die jüngere Geschichte.

  • In der Nachkriegszeit stand die Frage nach moralisch begründeten Entschädigungen für verfolgte Juden oder Polen auf der Agenda.
  • Vor wenigen Jahren begann die intensive Debatte um die Entschädigung der ehemaligen Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, die vor und in der Zeit des Zweiten Weltkriegs in der deutschen Industrie, aber auch in vielen anderen Bereichen bis hin zu den Kommunen und Kirchen im Einsatz waren.
  • Im medizinischen Sektor spielt die Frage nach der Entschädigung bei sogenannten Kunstfehlern eine Rolle.
  • In den letzten Jahren haben Menschen, die durch kirchliche Mitarbeitende sexualisierte Gewalt erfahren haben, finanzielle Entschädigungsleistungen erhalten.
  • Entschädigung wurde auch den Arbeitenden in der Textil-Fabrik Rana Plaza in Bangladesch gezahlt, die wegen schwerer Baumängel am 24. April 2013 in sich zusammenstürzte. Dabei wurden über 1.100 Menschen getötet, mehr als 2.000 wurden verletzt. Hier hat etwa der Konzern Primark etwa nach eigenen Angaben Hilfs‑ und Entschädigungszahlungen in Höhe von $14 Millionen geleistet.

Viele weitere Bereiche von Entschädigungszahlungen können genannt werden. Die Palette reicht hier von Entschädigungen durch den Ölkonzern BP nach der Explosion der Ölbohrinsel »Deepwater Horizon« am 20. April 2010 bis hin zu Entschädigungszahlungen bei Kündigung aus diskriminierenden Gründen.

Systematisch lassen sich in ethischer Hinsicht vier Arten von ‚Fällen‘ unterscheiden:

  • Die Aufarbeitung von Unrecht repressiver Regime (Transitional Justice);
  • die generationenübergreifende Entschädigung (korrektive Gerechtigkeit);
  • die Entschädigung konkreter Opfer in unterschiedlichen Situationen (Verkehr: Unfallopfer; Medizin: Kunstfehler, Arbeitswelt: Diskriminierung, …) und die
  • Entschädigung für Hinterbliebene (Angehörige von Opfern).

Hier stellen sich eine Vielzahl ethischer Fragen

  • Frage nach den Bedingungen und Voraussetzungen: Welche Bedingungen müssen gegeben sein, dass überhaupt eine Person oder eine Gruppe von Personen in moralischer Hinsicht geltend machen kann, einen Schaden oder ein Unrecht erlitten zu haben?
  • Frage nach dem zeitlichen Zusammenhang: Gibt es zeitliche Grenzen für Entschädigungsansprüche und wie lange können diese bestehen?
  • Frage nach dem Entschädigenden: Wer kann überhaupt aus moralischer Perspektive für die Entschädigung zur Verantwortung gezogen werden? Sind es diejenigen, die Unrecht verursacht haben, sind es die, die moralische Verantwortung tragen, oder können es auch andere Individuen oder Mitglieder von Kollektiven wie etwa Staaten sein?
  • Frage nach dem Mittel der Entschädigung: Welche Form kann oder soll Entschädigung annehmen, um Verantwortungsübernahme deutlich zu machen und den Opfern bzw. den Angehörigen Gerechtigkeit zukommen zu lassen?

Aus ethischer Perspektive kristallisiert sich vor diesem Hintergrund der Verantwortungsbegriff als eine zentrale ethische Kategorie heraus. Dieser schließt – in aller Kürze – zwei Aspekte ein: Die auf die Vergangenheit gerichtete Anerkennung und Übernahme von Schuld wie die konkrete Zukunftsverantwortung. Was das heißt, lässt sich an den Entschädigungszahlungen an Zwangsarbeitende deutlich machen. Hier ging es nie allein um eine ‚Bezahlung der Schuld‘ in der Vergangenheit, sondern immer auch um die Frage, mit welchen Mitteln Projekte gefördert werden können, die in Zukunft sozusagen ‚vorbeugend‘ wirken konnten (Vgl. evz. Stiftung Erinnerung-Verantwortung-Zukunft).

Was heißt das nun für die Opfer und Hinterbliebenen des Germanwings-Absturzes? Jede finanzielle Entschädigung kann grundsätzlich kaum als adäquate ‚Gegenleistung‘ für die erlittenen emotionalen und traumatischen Belastungen der Opfer und der Hinterbliebenen angesehen werden. Leben lässt sich nicht einfach so verrechnen. Deshalb führt jede Berechnung von Leid und Elend in die Irre. Eine Entschädigungszahlung kann also höchstens symbolisch für Verantwortungsübernahme im Sinne einer Anerkenntnis der Schuld und zugleich für die Anerkennung von Verlust, von Trauer, von Schmerz und Leid stehen. Mit einer Entschädigung wird anerkannt, dass Menschen unverschuldet ihre Lebenspläne zerstört und ihre Hoffnungen geraubt wurden. Anerkennen könnte eine Entschädigungszahlung also das Leid der Opfer, auch wenn Sie selbst nichts mehr davon haben. Aber auch das Leid der Hinterbliebenen könnte so anerkannt werden. So, wie es auf sozialer Ebene bereits die verschiedenen Akte der Trauer haben deutlich machen können. Anerkennung und echte Anteilnahme gehen hier Hand in Hand. Mit einer finanziellen Zahlung kann so auch die Erfahrung von Gerechtigkeit einhergehen. Eine Entschädigung, eine Schadensersatzzahlung bietet Genugtuung für alles Betroffenen. Und schließlich könnten die Entschädigungszahlung als Akt der Solidarität begriffen werden. Als sichtbarer Ausdruck dafür, dass die Hinterbliebenen nicht allein gelassen werden.

Kenneth Feinberg erklärt, was der Sinn der Entschädigungen sein soll:

Unrecht wird durch Dollar kompensiert, nicht durch Entschuldigungen oder irgendwelche privaten Vereinbarungen. Es geht um Geld, um das Unrecht zu mildern.

Da ich die Kategorie der „Milderung des Unrechts“ für problematisch halte, weil Geld das Unrecht nie mildern kann, habe ich stärker von der Anerkennung her argumentiert:

Aus: Melanie Amann u.a.: „Wie eine Ohrfeige“ (Der Spiegel 28/2015, 38-39).

Aus: Melanie Amann u.a.: „Wie eine Ohrfeige“ (Der Spiegel 28/2015, 38-39).

Die Schwierigkeit, die sich in diesem Zusammenhang stellt, liegt vor allem darin, dass Leid keine objektiv messbare Kategorie ist. Die Verarbeitung von Schmerz und Trauer verläuft ganz individuell, sie lässt sich deshalb finanziell kaum beziffern. Und auch den Streit über den ‚Wert‘ menschlichen Lebens halte ich für ethisch problematisch.

Umgekehrt ist aber auch klar: Wenn für die Hinterbliebenen vor allem die Anerkennung des Leides und das Mitleiden mit den Opfern im Mittelpunkt steht, dann muss sich das auch in einer angemessenen Zahlung ausdrücken. Dass viele Hinterbliebene die derzeit kolportierten Summen als zu gering ansehen, hat m.E. genau damit zu tun. 25.000 €, so viel kostet ein neuer Kleinwagen. Da stellt sich die Frage, ob ein Leben wirklich ‚nur‘ so viel wert ist. Sollte, so die Frage, nicht Anerkennung von Leid mit einer Summe gekoppelt sein, die die nicht zu verrechnende Bedeutung des einzelnen Lebens widerspiegelt? Das wären dann wohl eher Summen im sechsstelligen Bereich, die für die meisten Menschen jenseits aller konkreten Vorstellung liegen und so mindestens symbolisch für die Werthaftigkeit menschlichen Lebens stehen.

Hochzeit auf den ersten Blick

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»Blind-Wedding im Standesamt«, das ist der Kern der neuen Dating-Show »Hochzeit auf den ersten Blick« auf Sat 1. Am 16.11.2014 lief die erste Folge.

2014-11-17 Hochzeit auf den ersten Blick Logo

Hochzeit auf den ersten Blick

Die Idee: Sogenannte Experten stellen vier Paare zusammen, die sich statt mühsamer Partnersuche direkt zur Hochzeit treffen, heiraten und dann sehen, wie und ob sie miteinander klarkommen. Sat1 spricht von einem „ungewöhnlichen Beziehungsexperiment“. Immer dabei: die Kamera – bei der Auswahl der Paare, deren Hochzeitsvorbereitung, dem Moment auf dem Standesamt und den Flitterwochen.

Basis der Partnerauswahl sind wissenschaftliche Test und Analysen bis hin zu einem DNA-Test. Gesucht werden auf dieser Grundlage die perfekten Partner für acht Singles. Immer dabei: eine Psychotherapeutin, ein Wohnpsychologe, eine psychologische Beraterin und ein freikirchlicher Theologe. Die Frage: „Kann aus purer Wissenschaft wirklich die wahre Liebe werden?“ Nach sechs Wochen lautet dann die Frage: Wollt ihr zusammenbleiben oder wollt ihr die Scheidung?

Ihre vermeintliche Seriosität bezieht die Sendung aus Anfragen an das Konzept der Liebesheirat. Die Sehnsucht nach Liebe reicht, so die Sendung, als Emotion, als tragender Grund einer Ehe nicht aus. Das zeigen die Scheidungsraten deutlich. Hier wird die »arrangierte Ehe« als Ausweg vorgestellt.

Sat1 >Blind-Date-Hochzeit<

Sat1 >Blind-Date-Hochzeit<

Grundsätzlich hat die Anfrage an die sogenannte Liebesheirat ihre Berechtigung. Liebe im Sinn des Verliebtseins reicht nicht aus, um dauerhaft zusammenzuleben, um ein gemeinsames Leben auch langfristig gestalten und leben zu können.

Doch der Begriff der „arrangierten Ehe“ führt in die Irre. So sieht die Sendung nur darauf, ob die Partner zusammenpassen: Vom Charakter her, von der Weltanschauung, von ihrem Lifestyle. In der traditionellen arrangierten Ehe aber spielt vor allem die Familie, das soziale Umfeld eine zentrale Rolle. Arrangierte Ehen verbinden Familien, sichern Macht, sind politische, wirtschaftliche oder soziale Verbindungen. Bei der arrangierten Ehe geht es also nicht in erster Linie um die Partner, sondern um ihre gesamte Familie. Und es ist vor allem der soziale Druck, der die Partner dann zusammenhält. All das fällt im Konzept der Sendung aus. Und so geht es dann doch letztlich nur um Liebe.

So stellen sich zwei Fragen. Zum einen die Frage nach der Aussagekraft der wissenschaftlichen Expertise, die die Partner zusammenführen soll. Wenn der Wohnungspsychologe die Bettwäsche, wenn die Psychotherapeutin das dramatische Liebesleben der möglichen Kandidatinnen und Kandidaten unter die Lupe nimmt, dann zeigt das schon die Grenzen der wissenschaftlichen Passung auf. Zum anderen stellt sich die Frage, ob die arrangiert eingegangene Ehe der Ausweg aus den Problemen der Liebesbeziehung bietet. Denn die Paare müssten ja nicht heiraten, sondern könnten ja auch so zusammengeführt werden. Und am Schluss könnte dann die Frage stehen, ob diese Beziehung eine Zukunft hat.

Vor diesem Hintergrund wird klar, dass die arrangierte Hochzeit vor allem auf den Show-Effekt setzt. Die Hochzeit ist der Kick für die Sendung. Dadurch wird die Ehe aber – entgegen der vorgegebenen Intention der Sendung – entwertet. Ehe ist hier nur noch ein Fernsehexperiment auf Zeit. Das ist dann doch viel zu wenig.

Godzilla 2014

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Jetzt tobt Godzilla, die riesige Monsterechse, wieder durchs Kino. Seit über 60 Jahren gibt es immer wieder Filme über das riesige Ungetüm. Aktuell verwüstet es San Francisco – im Kampf mit anderen gigantischen Urzeit2014-05-22 Godzilla 2014-02monstern. Die Kreatur im Film ist riesig. Die ganze Stadt – inklusive Hochhäuser – wirkt angesichts der gewaltigen Monster wie eine Miniaturwelt.

Solche Filme mögen nicht jedermanns Geschmack entsprechen. Aber neben den Monstern gibt es auch noch Menschen in diesem Film. Und mit ihnen wird in faszinierender Art und Weise umgegangen: Sie werden nämlich als ohnmächtige und hilflose Gestalten gezeigt. Die Monster fegen durch die Stadt, thronen wie Götter auf Hochhäusern, die Welt der Menschen ist da nur noch Staffage.

Selten hat das Kino für die Winzigkeit des Menschen solche starke Bilder gefunden. Denn alles, was die Menschen gegen die Monster unternehmen, fruchtet nichts. Keine Düsenjäger und auch keine Atombomben. Stattdessen zerstören die phantastischen Kreaturen die Stadt, den Raum des Lebens in der modernen Welt. Den Menschen bleibt nur zu hoffen, dass sich Godzilla und die anderen Monster gegenseitig an die Gurgel gehen.

Das ist eine ungewohnte Perspektive – im Kino wie im realen Leben. Dabei steckt schon im Begriff Monster eine wichtige Einsicht. Monster kommt vom lateinischen monstrum, demMahnzeichen, dem Zeigen. Das Monster zeigt also, was Leben eigentlich ist und soll. Denn wenn etwas monströs ist, dann muss ich eine Idee davon haben, was eigentlich normal, was richtig ist. Das Monster Godzilla zeigt vor allem, dass der Mensch viel ohnmächtiger ist, als er immer meint. Angesichts der monströsen Monster im Film erweist sich alles Wissen, alles Können als reichlich beschränkt. Kein Wunder, dass die Menschen des Films merkwürdig blass bleiben, kaum Profil gewinnen und ihr Handeln letztlich lächerlich wirkt. Godzilla macht deutlich, dass die Natur, die Erde, viel größer ist als der Mensch. Die Filmparabel erteilt so dem Gedanken eines starken Subjekts unter der Hand eine Absage.

Machbarkeit?!

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2014-03-07 Sibylle Lewitscharoff

Sibylle Lewitscharoff

Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff  hat vor wenigen Tagen eine Rede gehalten, die für Aufruhr sorgte. Der Titel: „Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod.“ Die versammelte Presse ist sich einig: Ein „Skandal“. Vor allem ihre Überlegungen zur modernen Reproduktionsmedizin provozieren Widerspruch. O-Ton Lewitscharoff:

„Der eigentliche Horror resultiert für mich (…) aus den Methoden, auf künstlichen Wegen eine Schwangerschaft zustande zu bringen.“

Was aber hat die Schriftstellerin dagegen? Was sträubt sich in ihr, wenn sie an künstliche Befruchtung und Leben im Reagenzglas denkt, an Leihmütter und Samenbanken?

Zunächst einmal muss man die ganze Rede lesen, um die Thesen zur Reproduktionsmedizin einordnen zu können. Dann wird deutlich: Lewitscharoff warnt vor der Selbstermächtigung, die gegenwärtig im Bezug auf Tod und Leben herrscht. Sie redet gegen die Ideologie des Machbaren an. In Sachen Reproduktionsmedizin heißt das: Wer sein Kind selbst erzeugen kann, statt es zu zeugen, der kann sich sein Wunschkind auch anhand gewisser Merkmale aussuchen. Mehr noch: Jeder, der sein Kind aussucht, quasi im Katalog bestellt, der hat genaue Vorstellungen davon, wie sein Kind werden soll. Und wenn das Kind dann nicht den Vorstellungen entspricht, was dann, fragt die Schriftstellerin.

Das Thema der Macht und des Umgangs mit der eigenen Macht ist ein Thema, das an die Religion rührt. Der Glaube verweist darauf, dass der Gedanke an Gott auch deutlich machen kann, dass eben nicht alles in unserer Hand liegt – und dass das auch gut so ist. Wenn ein Kind einfach so zur Welt kommt, dann können sich Eltern entlasten. Die Natur hat ihre Finger im Spiel, und es nicht so schlimm, wenn das Kind nicht total hübsch, superintelligent und auch noch eine Sportskanone ist. Gott, so der christliche Gedanke, nimmt jeden Menschen an – und deshalb können Eltern auch gelassen ihre Kinder annehmen und lieben, wie sie sind. In der modernen Gesellschaft allerdings, das hält Sibylle Lewitscharoff  fest, gilt das nicht mehr: Weil keine höhere Macht in unserer Gesellschaft gilt, müssen Eltern alle Verantwortung für ihr Kind tragen. Und das kann manchmal gnadenlos sein.

Ich weiß um das Leid von Eltern, die keine Kinder haben können. Und ich kenne Paare, die dank der Reproduktionsmedizin ihren Kinderwunsch endlich erfüllt bekamen. Diesen Wunsch abzuwerten – und dazu auch noch die Kinder, halte ich für grundfalsch. Mehr noch ist der Ton, den Lewitscharoffs in dieser Debatte anschlägt, überaus grenzwertig. Menschen sind niemals nur Halbwesen, wie die Schriftstellerin sagt. Die gezogenen Parallelen zum Nationalsozialismus zeugen darüber hinaus von einer problematischen Ignoranz der Fakten – damals wie heute. Diskursiv ist das alles nicht. Aber es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass Lewitscharoffs überspitzte Formulierungen auf wesentliche Fragen der Diskussion hinweisen, die heute gerne verschwiegen werden. Sie lauten: Wie gehen wir in unserer Gesellschaft mit Machbarkeitsphantasien um – und mit dem Wissen, dass wir trotz aller Technik nicht die unbegrenzte Verfügungsgewalt über das Leben haben? Wie leben wir es, dass der Tod kommt – und Leben sich eben doch nicht beliebig herstellen lässt? Und wie rechtfertigen wir, dass der Zugriff auf das Leben selbst mit einer Entwertung des Lebens einhergeht? Ivf, PID und PND sind schließlich Techniken, die es auch mit sich bringen, dass Embryonen ausgesondert werden und eben nicht leben dürfen. So bleibt es unerklärlich, dass Sibylle Lewitscharoff diesen Fragen nicht noch deutlicher auf den Grund geht, statt sich in problematischen Formulierungen zu verrennen.

Aristoteles und »All is lost«

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An diesem Film hätte der griechische Philosoph seine helle Freude gehabt. »All is lost«, ein Ein-Mann-Drama um einen erfahrenen Skipper in See- und Seelennot, ist auch ein Film über die Steuermannskunst. Die zieht wiederum Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik immer wieder heran. Die Steuermannkunst ist für ihn die Kunst, die sich einerseits der rechten Vernunft bedient, andererseits aber auch deutlich macht, dass ihre Kunst eben darin besteht, immer wieder neu auf sich wechselnde Anforderungen und Bedingungen einzugehen. Aristoteles schreibt:

Was aber dem Bereiche des sittlichen Handelns und des im Leben Nützlichen angehört, hat nichts an sich, was ein für alle mal feststände, so wenig als das Gesunde. Und wenn das schon für die allgemeinen Regeln gilt, so läßt das Einzelne und Konkrete noch weniger genaue und absolut gültige Vorschriften zu, da es unter keine Kunst und keine Lehrüberlieferung fällt. Hier muß vielmehr der Handelnde selbst wissen, was dem gegebenen Fall entspricht, wie dies auch in der Heilkunst und in der Steuermannskunst geschieht. (1104a)

In unnachahmlicher Weise lebt Redford als Segler ohne Namen genau das vor. In aller Ruhe, nur selten verzweifelt. aber dann wieder besonnen sucht er nach den besten Lösungen für jede Situation. Das Überleben ist ohne Pathos, sondern gründet in Überlegung und in vielen klugen und unscheinbaren Handlungen. Das einzige Problem: Irgendwann sind das Repertoire von Handlungen und Lösungsmöglichkeiten erschöpft – wie auch die Phantasie. Kein Schiff hat den Schiffbrüchigen entdeckt, niemand ist zu Hilfe gekommen. Der Sinn der Steuermannskunst läuft ins Leere. Alle Handgriffe, die dem Leben dienen könnten, sind ausgeschöpft. Am Schluss brennt die Rettungsinsel, der Segler versinkt in der Tiefe des Meeres.

2014-01-13 Blog Bild all is lostDie Steuermannskunst, das verschweigt Aristoteles, ist in besonderer Weise begrenzt, weil die das Meer, das Wetter, die Elemente als Bedingungen hat, die sie nicht beeinflussen kann und denen sie letztlich auch unterlegen bleibt. Sie ist in besonderer Weise schicksalsoffen.

Offen bleibt auch das Ende. Ist alles verloren? Leuchtet das Licht, das der Versinkende sieht, das Ende aus? Ist die Hand, die er ergreift, eine Hand des Todes? Oder ist es doch eine Neuschöpfung, die da aus Wasser geschieht: Die Hand eine Schöpfers vielleicht, die ihn da in ein neues Leben zieht? Da, ganz zum Schluss, verlässt der Film – wenn auch nur ganz kurz – die Steuermannskunst und öffnet sich noch größeren Fragen.

Klonen und Gott

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Das Thema ist immer wieder brisant: Menschenklonen. Jetzt steht es wieder auf der Tagesordnung, nachdem es Wissenschaftlern erstmals gelang, menschliche embryonale Stammzellen herzustellen. Das zumindest berichten Forscher im Artikel >Human Embryonic Stem Cells Derived by Somatic Cell Nuclear Transfer< in der Zeitschrift Cell. Da aus pluripotenten Stammzellen theoretisch Menschen entstehen können, ist die Diskussion um das Klonen nur verständlich.

Ein Argument kommt in der Debatte immer wieder auf den Tisch: Eine solche Forschung heißt, Gott ins Handwerk zu pfuschen, oder wie der Hamburger Erzbischof Werner Thissen an Pfingsten formulierte:

Es stimmt nicht mit dem Willen Gottes überein, wenn Embryonen erzeugt und zerstört werden für reproduktives Klonen, an dessen Ende, wenn auch in Zukunft, geklonte Menschen stehen können.

Mindestens zwei Probleme enthält diese Rede vom Willen Gottes als ethischem Argument:

1. Theologisch ist diese Aussage problematisch. Sie behauptet, von Gott viel mehr sagen zu können, als legitim ist. In seinen Bekenntnissen, dieser ersten Glaubensautobiographie der Geschichte, schreibt Augustinus in seinen Meditationen über die Schöpfungsgeschichte: „Denn ganz wie du bist, das weißt du allein (…).“ Ist es da überhaupt legitim, vom Willen Gottes oder auch vom Handwerk Gottes zu sprechen, in das der Mensch nicht pfuschen dürfe?

2. Schöpfungstheologisch ist der Mensch ist auch als eine Art ‚kleiner Gott‘ zu denken. Davon sprechen nicht nur die Schöpfungserzählungen. So hält der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz fest: „(…) die Geister aber sind (…) Abbilder der Gottheit oder des Urhebers der Natur selbst; sie sind fähig, das System des Universums zu erkennen und durch architektonische Entwürfe etwas davon nachzuahmen, da jeder Geist in seinem Bereich gleichsam eine kleine Gottheit ist.“ Für Leibniz ist die Vernunft die Kraft, die aus dem Menschen ein Abbild der Göttlichkeit macht. Und der Mensch kann also nicht gegen den Willen Gottes handeln, wenn er forscht und erprobt, sondern er erfüllt seinen ureigensten Auftrag.

Design und Klonen

Klonen nach Wunsch

Warum das Klonen problematisch sein soll, erschließt sich m.E. nicht aus dem Konzept des „Willen Gottes“. Wohl aber aus Vorstellungen, die auch mit religiösen Konzepten verknüpft sind, wie etwa die Rede von der Würdehaftigkeit jedes Menschen. Das aber setzt wiederum voraus, dass die pluripotente Stammzelle als Embryo verstanden und angesehen wird. Eine solche Überzeugung aber, die global gelten könnte, zeichnet sich nicht ab. Hier liegt wohl die Arbeit der Zukunft auch für die Ethik begründet. Deutlich zu machen, dass philosophisch-theologisch-ethische Probleme wie die Frage nach dem Beginn des Lebens nicht einfach übergangen werden dürfen.

Gott ist nicht blöd

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»Gott ist nicht blöd.« Weiß auf schwarz steht dieser Satz auf einer Postkarte. Die Karte ist eine Werbung für ein Theaterstück. Und bei mir funktioniert die Werbung. Ich will wissen, was der Satz mit dem Stück zu tun hat.

gott-ist-nicht-blöd»Gott ist nicht blöd.« Blöd ist es, wenn ich mich dumm anstelle, einen Fehler mache, den ich leicht hätte vermeiden können. Blöd ist es, wenn ich mit dem Auto gegen den Pfosten fahre, den ich eben noch gesehen und dann beim Einparken einfach vergessen habe. Blöd ist es, wenn ich eine Bemerkung mache, die kränkt. Dabei wäre es doch so einfach gewesen, den Mund zu halten. Blöd ist es, wenn im Supermarkt an der Kasse steht und dann fällt mir ein: Das Portemonnaie liegt auf dem Küchentisch. „Ich bin doch nicht blöd,“ heißt auch: Ich bezahle doch nicht irgendwo mehr Geld, wenn ich einem anderen Laden das Ganze auch billiger bekomme.

Kann Gott sich überhaupt in diesem Sinne ‚blöd‘ anstellen? Es gibt einige biblische Geschichten, die das nahe legen. Da schafft Gott die Menschen. Und die haben nichts Besseres zu tun, als sich selbstständig zu machen, wie Adam und Eva, die sind aufeinander neidisch, wie Kain auf Abel, die gehen so schlimm miteinander um, dass Gott schließlich am liebsten wieder reinen Tisch machen würde. Seine Sintflut soll eigentlich alle Menschen vernichten, soll dieses Fehler der Schöpfung wieder rückgängig machen. Aber zum Glück findet Gott Noah und seine Familie. Die dürfen den ganzen Schlamassel überleben. Gott, könnte man sagen, war ganz schön blöd, Menschen zu schaffen.

Aber ist es da richtig, zu sagen, Gott ist blöd? Gott kann ich mit Eltern vergleichen, die ein Kind bekommen. Auch die sind ja eigentlich blöd. Kinder, das heißt Einschränkung: nachts oft raus, enge Terminplanung, Zoff bis in die Pubertät hinein. Aber Kinder sind auch wunderbar, lassen einen das Leben neu sehen.

Sich auf Menschen einlassen, das heißt, Risiken einzugehen. Das gilt für Gott wie für ein Paar, das ein Kind bekommt. Das halte ich nicht für blöd. Und so stimmt auch der Satz: Gott ist nicht blöd.

Moral, Religion und das Töten

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Ein Schiff sinkt. Es geht mit Mann und Maus unter. Nur ein Junge überlebt. Und ein Tiger. Zusammen verbringen die beiden fast ein Jahr auf einem Rettungsboot. Das ist in Kürze die Geschichte, die derzeit im Kino zu sehen ist: »Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger« heißt der Film.

schiffbruch mit tigerUm auf seinem Rettungsboot zu überleben, muss Pi, so heißt der Junge, sich Nahrung suchen. Was liegt näher, als einen Fisch zu fangen? Das Problem: Pi ist Vegetarier, aus religiösen Gründen. Aber um zu überleben, angelt er trotzdem. Und das klappt auch, nach vielen Versuchen hat Pi endlich einen Fisch im Netz. Er ringt mit dem großen Fisch, besiegt ihn, schlägt ihn tot. Und der Zuschauer sieht, mit Pi, diesem toten Fisch ins Auge. Und es scheint, als würden diese toten Augen Pi und jeden einzelnen Kinozuschauer ansehen. Die religiöse Geschichte Pi‘s, seine Haltung zu den Tieren – all das findet sich in diesem Blick. Es ist, als würde Gott selbst durch die Augen des toten Tieres blicken. Pi spürt das offensichtlich auch so: Er ist nach dem Fang nicht glücklich, sondern völlig verzweifelt.

Über ökologische Moral lässt sich vieles sagen. »Schiffbruch mit Tiger« bietet eine Geschichte zum Umgang mit dem Lebendigen an. Die narrative Ethik dieser Geschichte führt aber keineswegs zu einer einfachen Lösung. Vegetarisch zu leben wird nicht als ethisch notwendig begründet. Denn auch Pi muss ja, will ja überleben. Aber er macht überdeutlich, dass die Frage des Lebensrechts nicht auf den Menschen allein beschränkt bleibt.

Die Moral des Nicht-Müssens

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Moral ist ein vermintes Gelände. Klingt nach Muff und Spießigkeit. Und nach all dem, was ich nicht will und nicht brauche. Umso mehr fällt auf, wie stark die Gesellschaft und das eigene Leben von Moral besetzt ist – auch wenn ich das gar nicht merke. Beispiel: Berufsleben. Regeln und Vorschriften, kurz: Normen, sind hier in einer Vielzahl anzutreffen, dass sie schon gar nicht mehr mit Moral zusammengebracht werden. Und doch gerade die Funktion der Moral in besonderer Weise deutlich machen: Ein Verhalten zu regeln, vorhersagbar und kalkulierbar zu machen.

In einem Interview mit Andreas Brunner, Trainer bei einem Callcenter-Dienstleister, im Magazin der »Süddeutschen Zeitung« zu finden, lässt sich Normalität und Problematik solcher Moral wie unter einem Mikroskop beobachten. Auf die Frage „Gibt es verbotene Wörter in Ihrem Job?“ antwortet Brunner:

Oh ja, in unserer Branche gibt es verbotene Vokabeln: »Nein« zum Beispiel oder »aber«. Wobei ich das für falsch halte. Ein »Ja, aber« ist aggressiv, dagegen ist ein »Nein, aber« ein wunderbares Kommunikationswerkzeug. Auch das Wort »Problem« ist verboten, genauso wie das Verb »müssen«. Das Verb »müssen« umgehen wir mit einem Trick: Man kann es gegen »einfach« austauschen. Das klappt immer: »Sie müssen da hinten parken!« wird dann zu »Parken Sie einfach da hinten!«

So einfach und so schwer ist das mit der Moral. Neben »sollen« ist «müssen« eines der Lemmata, die Moral anzeigen. »Müssen« ist mit Normativität aufgeladen. Weil das aber nur wenigen, vor allem in einem Gespräch am Telefon gefällt, wird dieses Wort substituiert. Der Regelcharakter wird kaschiert. Sprachlich verschwindet so die Moral, scheint durch einen Vorschlag ‚zur Güte‘ ersetzt zu werden.

Callcenter

Callcenter

Ein spannender Trick. Er gibt dem Anrufer die Chance, etwas als sein eigenes und freiwilliges Handeln zu verstehen, selbst wenn er letztlich doch dem vorgegebenen ‚Muss‘ des Anderen folgt.

So aber ist Moral gefährlich. Weil sie nicht mehr offen kommuniziert wird – und ihre Regeln sich so dem Diskurs entziehen. Aber offensichtlich reicht der Anschein der Selbstbestimmung schon aus, um Menschen zu besänftigen, selbst wenn sie sich dann doch dem Diktat der Moral beugen. Sittliche Kompetenz aber sieht anders aus. Sie klärt gerade über das Müssen auf – um dann Entscheidungen generieren zu können.

Der Zwang und der Tod

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Krasser könnte der Gegensatz nicht sein. Innerhalb einer Woche lese ich:

Wie sollen wir mit dem Tod umgehen?

Wie sollen wir mit dem Tod umgehen?

Drei verschiedene Konzepte, mit der radikalen Sterblichkeit und der Provokation durch die Endlichkeit umzugehen.

  • Dieing schlägt vor, aktiv auf Sterben und Tod zuzugehen. Die Hoffnung der Ärztin: So kommen Menschen mit der Endlichkeit besser zurecht. Gelassenheit heißt ihr großes und sympathisches Stichwort.
  • Gray hält hingegen alle menschliche Existenz für Willkür. Das Wissen um den Tod kann deshalb eine Vorfreude auslösen, weil er die Erlösung aus der Willkür menschlicher Existenz bedeutet. Ein nihilistischer oder doch eher ein realistischer Zugang?
  • Das niederländische Konzept der ambulanten Sterbehilfe schließlich steht für die Vorstellung, aktiv mit dem Tod umzugehen. Das Sterben ist hier der Akt der Selbstbestimmung, den der Mensch als letzten zu seinem eigenen machen kann.

Drei ganz verschiedene Zugänge – aber eine Gemeinsamkeit: Sterben und Tod sind kein Schicksal mehr, sondern müssen gestaltet werden. Die heimliche Normativität dieser Konzeption, das finde ich das eigentlich verblüffende, wird kaum thematisiert. Warum, so muss die ethische Frage lauten, muss ich eigentlich dem Tod aktiv entgegen gehen? Kann ich ihn nicht auch als Teil meines Lebens begreifen, als Entzogenes, das – todsicher – auf mich zukommt? Umgekehrt ist auch klar: Je mehr an der Grenze des Lebens möglich und legitimiert ist, technisch, medizinisch, sozial, desto mehr ist jeder einzelne gezwungen, sich zu positionieren. Dann ist auch das Zulassen des Sterben-müssens eine Position – aber auch sie muss gewählt werden. Das ist ganz konkret der „Zwang zur Moral“, vom dem Otfried Höffe spricht.

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