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Moral ist ein vermintes Gelände. Klingt nach Muff und Spießigkeit. Und nach all dem, was ich nicht will und nicht brauche. Umso mehr fällt auf, wie stark die Gesellschaft und das eigene Leben von Moral besetzt ist – auch wenn ich das gar nicht merke. Beispiel: Berufsleben. Regeln und Vorschriften, kurz: Normen, sind hier in einer Vielzahl anzutreffen, dass sie schon gar nicht mehr mit Moral zusammengebracht werden. Und doch gerade die Funktion der Moral in besonderer Weise deutlich machen: Ein Verhalten zu regeln, vorhersagbar und kalkulierbar zu machen.

In einem Interview mit Andreas Brunner, Trainer bei einem Callcenter-Dienstleister, im Magazin der »Süddeutschen Zeitung« zu finden, lässt sich Normalität und Problematik solcher Moral wie unter einem Mikroskop beobachten. Auf die Frage „Gibt es verbotene Wörter in Ihrem Job?“ antwortet Brunner:

Oh ja, in unserer Branche gibt es verbotene Vokabeln: »Nein« zum Beispiel oder »aber«. Wobei ich das für falsch halte. Ein »Ja, aber« ist aggressiv, dagegen ist ein »Nein, aber« ein wunderbares Kommunikationswerkzeug. Auch das Wort »Problem« ist verboten, genauso wie das Verb »müssen«. Das Verb »müssen« umgehen wir mit einem Trick: Man kann es gegen »einfach« austauschen. Das klappt immer: »Sie müssen da hinten parken!« wird dann zu »Parken Sie einfach da hinten!«

So einfach und so schwer ist das mit der Moral. Neben »sollen« ist «müssen« eines der Lemmata, die Moral anzeigen. »Müssen« ist mit Normativität aufgeladen. Weil das aber nur wenigen, vor allem in einem Gespräch am Telefon gefällt, wird dieses Wort substituiert. Der Regelcharakter wird kaschiert. Sprachlich verschwindet so die Moral, scheint durch einen Vorschlag ‚zur Güte‘ ersetzt zu werden.

Callcenter

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Ein spannender Trick. Er gibt dem Anrufer die Chance, etwas als sein eigenes und freiwilliges Handeln zu verstehen, selbst wenn er letztlich doch dem vorgegebenen ‚Muss‘ des Anderen folgt.

So aber ist Moral gefährlich. Weil sie nicht mehr offen kommuniziert wird – und ihre Regeln sich so dem Diskurs entziehen. Aber offensichtlich reicht der Anschein der Selbstbestimmung schon aus, um Menschen zu besänftigen, selbst wenn sie sich dann doch dem Diktat der Moral beugen. Sittliche Kompetenz aber sieht anders aus. Sie klärt gerade über das Müssen auf – um dann Entscheidungen generieren zu können.

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