Schlagwörter

, , ,

An diesem Film hätte der griechische Philosoph seine helle Freude gehabt. »All is lost«, ein Ein-Mann-Drama um einen erfahrenen Skipper in See- und Seelennot, ist auch ein Film über die Steuermannskunst. Die zieht wiederum Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik immer wieder heran. Die Steuermannkunst ist für ihn die Kunst, die sich einerseits der rechten Vernunft bedient, andererseits aber auch deutlich macht, dass ihre Kunst eben darin besteht, immer wieder neu auf sich wechselnde Anforderungen und Bedingungen einzugehen. Aristoteles schreibt:

Was aber dem Bereiche des sittlichen Handelns und des im Leben Nützlichen angehört, hat nichts an sich, was ein für alle mal feststände, so wenig als das Gesunde. Und wenn das schon für die allgemeinen Regeln gilt, so läßt das Einzelne und Konkrete noch weniger genaue und absolut gültige Vorschriften zu, da es unter keine Kunst und keine Lehrüberlieferung fällt. Hier muß vielmehr der Handelnde selbst wissen, was dem gegebenen Fall entspricht, wie dies auch in der Heilkunst und in der Steuermannskunst geschieht. (1104a)

In unnachahmlicher Weise lebt Redford als Segler ohne Namen genau das vor. In aller Ruhe, nur selten verzweifelt. aber dann wieder besonnen sucht er nach den besten Lösungen für jede Situation. Das Überleben ist ohne Pathos, sondern gründet in Überlegung und in vielen klugen und unscheinbaren Handlungen. Das einzige Problem: Irgendwann sind das Repertoire von Handlungen und Lösungsmöglichkeiten erschöpft – wie auch die Phantasie. Kein Schiff hat den Schiffbrüchigen entdeckt, niemand ist zu Hilfe gekommen. Der Sinn der Steuermannskunst läuft ins Leere. Alle Handgriffe, die dem Leben dienen könnten, sind ausgeschöpft. Am Schluss brennt die Rettungsinsel, der Segler versinkt in der Tiefe des Meeres.

2014-01-13 Blog Bild all is lostDie Steuermannskunst, das verschweigt Aristoteles, ist in besonderer Weise begrenzt, weil die das Meer, das Wetter, die Elemente als Bedingungen hat, die sie nicht beeinflussen kann und denen sie letztlich auch unterlegen bleibt. Sie ist in besonderer Weise schicksalsoffen.

Offen bleibt auch das Ende. Ist alles verloren? Leuchtet das Licht, das der Versinkende sieht, das Ende aus? Ist die Hand, die er ergreift, eine Hand des Todes? Oder ist es doch eine Neuschöpfung, die da aus Wasser geschieht: Die Hand eine Schöpfers vielleicht, die ihn da in ein neues Leben zieht? Da, ganz zum Schluss, verlässt der Film – wenn auch nur ganz kurz – die Steuermannskunst und öffnet sich noch größeren Fragen.

Advertisements