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2014-03-07 Sibylle Lewitscharoff

Sibylle Lewitscharoff

Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff  hat vor wenigen Tagen eine Rede gehalten, die für Aufruhr sorgte. Der Titel: „Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod.“ Die versammelte Presse ist sich einig: Ein „Skandal“. Vor allem ihre Überlegungen zur modernen Reproduktionsmedizin provozieren Widerspruch. O-Ton Lewitscharoff:

„Der eigentliche Horror resultiert für mich (…) aus den Methoden, auf künstlichen Wegen eine Schwangerschaft zustande zu bringen.“

Was aber hat die Schriftstellerin dagegen? Was sträubt sich in ihr, wenn sie an künstliche Befruchtung und Leben im Reagenzglas denkt, an Leihmütter und Samenbanken?

Zunächst einmal muss man die ganze Rede lesen, um die Thesen zur Reproduktionsmedizin einordnen zu können. Dann wird deutlich: Lewitscharoff warnt vor der Selbstermächtigung, die gegenwärtig im Bezug auf Tod und Leben herrscht. Sie redet gegen die Ideologie des Machbaren an. In Sachen Reproduktionsmedizin heißt das: Wer sein Kind selbst erzeugen kann, statt es zu zeugen, der kann sich sein Wunschkind auch anhand gewisser Merkmale aussuchen. Mehr noch: Jeder, der sein Kind aussucht, quasi im Katalog bestellt, der hat genaue Vorstellungen davon, wie sein Kind werden soll. Und wenn das Kind dann nicht den Vorstellungen entspricht, was dann, fragt die Schriftstellerin.

Das Thema der Macht und des Umgangs mit der eigenen Macht ist ein Thema, das an die Religion rührt. Der Glaube verweist darauf, dass der Gedanke an Gott auch deutlich machen kann, dass eben nicht alles in unserer Hand liegt – und dass das auch gut so ist. Wenn ein Kind einfach so zur Welt kommt, dann können sich Eltern entlasten. Die Natur hat ihre Finger im Spiel, und es nicht so schlimm, wenn das Kind nicht total hübsch, superintelligent und auch noch eine Sportskanone ist. Gott, so der christliche Gedanke, nimmt jeden Menschen an – und deshalb können Eltern auch gelassen ihre Kinder annehmen und lieben, wie sie sind. In der modernen Gesellschaft allerdings, das hält Sibylle Lewitscharoff  fest, gilt das nicht mehr: Weil keine höhere Macht in unserer Gesellschaft gilt, müssen Eltern alle Verantwortung für ihr Kind tragen. Und das kann manchmal gnadenlos sein.

Ich weiß um das Leid von Eltern, die keine Kinder haben können. Und ich kenne Paare, die dank der Reproduktionsmedizin ihren Kinderwunsch endlich erfüllt bekamen. Diesen Wunsch abzuwerten – und dazu auch noch die Kinder, halte ich für grundfalsch. Mehr noch ist der Ton, den Lewitscharoffs in dieser Debatte anschlägt, überaus grenzwertig. Menschen sind niemals nur Halbwesen, wie die Schriftstellerin sagt. Die gezogenen Parallelen zum Nationalsozialismus zeugen darüber hinaus von einer problematischen Ignoranz der Fakten – damals wie heute. Diskursiv ist das alles nicht. Aber es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass Lewitscharoffs überspitzte Formulierungen auf wesentliche Fragen der Diskussion hinweisen, die heute gerne verschwiegen werden. Sie lauten: Wie gehen wir in unserer Gesellschaft mit Machbarkeitsphantasien um – und mit dem Wissen, dass wir trotz aller Technik nicht die unbegrenzte Verfügungsgewalt über das Leben haben? Wie leben wir es, dass der Tod kommt – und Leben sich eben doch nicht beliebig herstellen lässt? Und wie rechtfertigen wir, dass der Zugriff auf das Leben selbst mit einer Entwertung des Lebens einhergeht? Ivf, PID und PND sind schließlich Techniken, die es auch mit sich bringen, dass Embryonen ausgesondert werden und eben nicht leben dürfen. So bleibt es unerklärlich, dass Sibylle Lewitscharoff diesen Fragen nicht noch deutlicher auf den Grund geht, statt sich in problematischen Formulierungen zu verrennen.

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