Schlagwörter

, , , , , , ,

Absturz Germanwings Flug 4U9525

Absturz Germanwings Flug 4U9525

Seit Tagen wird über das Angebot der Lufthansa diskutiert, den Hinterbliebenen von Flug 4U9525 der Germanwings eine Entschädigungszahlung von 25.000 € für jedes Opfer und zusätzlich jeweils 10.000 € für die nächsten Angehörigen in Deutschland auszubezahlen. Hinzu kommen die 50.000 €, die der Lufthansa-Konzern bereits als Soforthilfe für jedes Opfer zahlte.

Wir lehnen das Angebot ab, weil die Hinterbliebenen es als unangemessen empfinden,

sagte der Berliner Anwalt Elmar Giemulla. Nach eigenen Angaben vertritt er 35 Opfer-Familien.

Die juristische Schlacht hat begonnen – die ethischen Fragestellungen scheinen da nur am Rande zu interessieren. Doch ethische Fragen der Entschädigung werden nicht jetzt erst virulent. Über Entschädigungen wird und wurde bereits in unterschiedlichen Kontexten diskutiert. Ein Blick in die jüngere Geschichte.

  • In der Nachkriegszeit stand die Frage nach moralisch begründeten Entschädigungen für verfolgte Juden oder Polen auf der Agenda.
  • Vor wenigen Jahren begann die intensive Debatte um die Entschädigung der ehemaligen Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, die vor und in der Zeit des Zweiten Weltkriegs in der deutschen Industrie, aber auch in vielen anderen Bereichen bis hin zu den Kommunen und Kirchen im Einsatz waren.
  • Im medizinischen Sektor spielt die Frage nach der Entschädigung bei sogenannten Kunstfehlern eine Rolle.
  • In den letzten Jahren haben Menschen, die durch kirchliche Mitarbeitende sexualisierte Gewalt erfahren haben, finanzielle Entschädigungsleistungen erhalten.
  • Entschädigung wurde auch den Arbeitenden in der Textil-Fabrik Rana Plaza in Bangladesch gezahlt, die wegen schwerer Baumängel am 24. April 2013 in sich zusammenstürzte. Dabei wurden über 1.100 Menschen getötet, mehr als 2.000 wurden verletzt. Hier hat etwa der Konzern Primark etwa nach eigenen Angaben Hilfs‑ und Entschädigungszahlungen in Höhe von $14 Millionen geleistet.

Viele weitere Bereiche von Entschädigungszahlungen können genannt werden. Die Palette reicht hier von Entschädigungen durch den Ölkonzern BP nach der Explosion der Ölbohrinsel »Deepwater Horizon« am 20. April 2010 bis hin zu Entschädigungszahlungen bei Kündigung aus diskriminierenden Gründen.

Systematisch lassen sich in ethischer Hinsicht vier Arten von ‚Fällen‘ unterscheiden:

  • Die Aufarbeitung von Unrecht repressiver Regime (Transitional Justice);
  • die generationenübergreifende Entschädigung (korrektive Gerechtigkeit);
  • die Entschädigung konkreter Opfer in unterschiedlichen Situationen (Verkehr: Unfallopfer; Medizin: Kunstfehler, Arbeitswelt: Diskriminierung, …) und die
  • Entschädigung für Hinterbliebene (Angehörige von Opfern).

Hier stellen sich eine Vielzahl ethischer Fragen

  • Frage nach den Bedingungen und Voraussetzungen: Welche Bedingungen müssen gegeben sein, dass überhaupt eine Person oder eine Gruppe von Personen in moralischer Hinsicht geltend machen kann, einen Schaden oder ein Unrecht erlitten zu haben?
  • Frage nach dem zeitlichen Zusammenhang: Gibt es zeitliche Grenzen für Entschädigungsansprüche und wie lange können diese bestehen?
  • Frage nach dem Entschädigenden: Wer kann überhaupt aus moralischer Perspektive für die Entschädigung zur Verantwortung gezogen werden? Sind es diejenigen, die Unrecht verursacht haben, sind es die, die moralische Verantwortung tragen, oder können es auch andere Individuen oder Mitglieder von Kollektiven wie etwa Staaten sein?
  • Frage nach dem Mittel der Entschädigung: Welche Form kann oder soll Entschädigung annehmen, um Verantwortungsübernahme deutlich zu machen und den Opfern bzw. den Angehörigen Gerechtigkeit zukommen zu lassen?

Aus ethischer Perspektive kristallisiert sich vor diesem Hintergrund der Verantwortungsbegriff als eine zentrale ethische Kategorie heraus. Dieser schließt – in aller Kürze – zwei Aspekte ein: Die auf die Vergangenheit gerichtete Anerkennung und Übernahme von Schuld wie die konkrete Zukunftsverantwortung. Was das heißt, lässt sich an den Entschädigungszahlungen an Zwangsarbeitende deutlich machen. Hier ging es nie allein um eine ‚Bezahlung der Schuld‘ in der Vergangenheit, sondern immer auch um die Frage, mit welchen Mitteln Projekte gefördert werden können, die in Zukunft sozusagen ‚vorbeugend‘ wirken konnten (Vgl. evz. Stiftung Erinnerung-Verantwortung-Zukunft).

Was heißt das nun für die Opfer und Hinterbliebenen des Germanwings-Absturzes? Jede finanzielle Entschädigung kann grundsätzlich kaum als adäquate ‚Gegenleistung‘ für die erlittenen emotionalen und traumatischen Belastungen der Opfer und der Hinterbliebenen angesehen werden. Leben lässt sich nicht einfach so verrechnen. Deshalb führt jede Berechnung von Leid und Elend in die Irre. Eine Entschädigungszahlung kann also höchstens symbolisch für Verantwortungsübernahme im Sinne einer Anerkenntnis der Schuld und zugleich für die Anerkennung von Verlust, von Trauer, von Schmerz und Leid stehen. Mit einer Entschädigung wird anerkannt, dass Menschen unverschuldet ihre Lebenspläne zerstört und ihre Hoffnungen geraubt wurden. Anerkennen könnte eine Entschädigungszahlung also das Leid der Opfer, auch wenn Sie selbst nichts mehr davon haben. Aber auch das Leid der Hinterbliebenen könnte so anerkannt werden. So, wie es auf sozialer Ebene bereits die verschiedenen Akte der Trauer haben deutlich machen können. Anerkennung und echte Anteilnahme gehen hier Hand in Hand. Mit einer finanziellen Zahlung kann so auch die Erfahrung von Gerechtigkeit einhergehen. Eine Entschädigung, eine Schadensersatzzahlung bietet Genugtuung für alles Betroffenen. Und schließlich könnten die Entschädigungszahlung als Akt der Solidarität begriffen werden. Als sichtbarer Ausdruck dafür, dass die Hinterbliebenen nicht allein gelassen werden.

Kenneth Feinberg erklärt, was der Sinn der Entschädigungen sein soll:

Unrecht wird durch Dollar kompensiert, nicht durch Entschuldigungen oder irgendwelche privaten Vereinbarungen. Es geht um Geld, um das Unrecht zu mildern.

Da ich die Kategorie der „Milderung des Unrechts“ für problematisch halte, weil Geld das Unrecht nie mildern kann, habe ich stärker von der Anerkennung her argumentiert:

Aus: Melanie Amann u.a.: „Wie eine Ohrfeige“ (Der Spiegel 28/2015, 38-39).

Aus: Melanie Amann u.a.: „Wie eine Ohrfeige“ (Der Spiegel 28/2015, 38-39).

Die Schwierigkeit, die sich in diesem Zusammenhang stellt, liegt vor allem darin, dass Leid keine objektiv messbare Kategorie ist. Die Verarbeitung von Schmerz und Trauer verläuft ganz individuell, sie lässt sich deshalb finanziell kaum beziffern. Und auch den Streit über den ‚Wert‘ menschlichen Lebens halte ich für ethisch problematisch.

Umgekehrt ist aber auch klar: Wenn für die Hinterbliebenen vor allem die Anerkennung des Leides und das Mitleiden mit den Opfern im Mittelpunkt steht, dann muss sich das auch in einer angemessenen Zahlung ausdrücken. Dass viele Hinterbliebene die derzeit kolportierten Summen als zu gering ansehen, hat m.E. genau damit zu tun. 25.000 €, so viel kostet ein neuer Kleinwagen. Da stellt sich die Frage, ob ein Leben wirklich ‚nur‘ so viel wert ist. Sollte, so die Frage, nicht Anerkennung von Leid mit einer Summe gekoppelt sein, die die nicht zu verrechnende Bedeutung des einzelnen Lebens widerspiegelt? Das wären dann wohl eher Summen im sechsstelligen Bereich, die für die meisten Menschen jenseits aller konkreten Vorstellung liegen und so mindestens symbolisch für die Werthaftigkeit menschlichen Lebens stehen.

Advertisements