Evolution und Glaube

Schlagwörter

, , , , ,

„All das, was ich einmal gelernt habe über Evolution, Embryologie und die Urknalltheorie, sind Lügen direkt aus der Hölle“, zitiert die Süddeutsche Zeitung den republikanischen Abgeordneten Paul Broun. Und in einem mittlerweile gelöschten Video erklärt Broun, dass er sich bei seinen Entscheidungen im Abgeordnetenhaus nach der Bibel richtet. Denn, so die SZ, „sie lehrt uns, wie wir als Individuum, wie wir als Familien leben und wie wir unsere Kirchen führen sollen. Aber sie lehrt uns auch, wie wir Politik machen und überhaupt alles in der Gesellschaft gestalten sollen.“

Paul Broun, US-Abgeordneter, über Bibel und Moral

Paul Broun, US-Abgeordneter, über Bibel und Moral

Bibel und sittliches Handeln: Ein alter Streitfall. Doch der universalistische Anspruch, den Broun vorbringt, macht deutlich, woran seine Argumentation im Kern krankt. Die Bibel selbst gibt sich in ethischer Perspektive als heterogenes Produkt zu erkennen, dass eine Vielzahl widersprüchlicher Handlungsanweisungen, Moralen und Ethoi integriert, ohne die Unterschiede zu verwischen. Daran haben sich Theologen durch die Jahrhunderte hin abgearbeitet. Aber sie waren in der Regel nicht so naiv, zu glauben, diese Widersprüche ließen sich auflösen.

Heute müssen wir vielmehr erkennen, dass eine der zentralen Leistungen der Bibel ist, dass sie entsprechend der Uneindeutigkeit menschlichen Redens und Verstehens von Gottes auch eine Pluralität des Glaubens anerkennt.

Diese Pluralität spiegelt auch die plurale moralische Botschaft der Bibel wieder. Trotz „Du sollst nicht morden“ fordert Gott den Elija auf, die Propheten des Baal zu töten. Trotz des Gebotes, Mutter und Vater zu ehren, steht Gott auf der Seite Jakobs, der seinen Vater hinterlistig betrügt. Zwei Beispiel, die zeigen: Schon aus der Bibel heraus ist es unmöglich, eindeutige sittliche Regelungen zu extrahieren. Geschweige denn aus normtheoretischen Erwägungen.

Es liegt an uns, zu entschlüsseln, was dem Glauben entspricht und was nicht. Das aber ist Aufgabe der Vernunft.

Advertisements

Vernünftig

Schlagwörter

, , ,

In der Nähe von Hamburg habe ich dieses Schild gefunden. Mehr Ethik im Alltag geht fast nicht: Der Satz ist nämlich nicht nur im Kontext von Moral und Recht angesiedelt, sondern spielt darüber hinaus mit der Moralität, der Fähigkeit des Subjekts zur ethischen Einsicht.

Vernünftige fahren hier ...

Vernünftige fahren hier …

Vordergründig spielt der Satz »Vernünftige fahren hier nicht mit dem Rad. Anderen ist es verboten.« auf das oftmals problematische Verhältnis von Fahrradfahrern, Fußgängern und Autofahrern an. Die einen reden von „Kampfradlern“ – gemeint sind Fahrradfahrer für die rote Ampeln, Fußgängerzonen, Bürgersteige und Einbahnstraßen nicht gelten. Die anderen regen sich oft genug über Fußgänger auf Radwegen oder brutale Autofahrer im Innenstadtverkehr auf. Wenn hier jeder seine Vernunft einsetzen würde, dann gäb’s keine Probleme – wie überall im Leben. Weil aber nicht jeder nur vernünftig ist oder sein will, dafür braucht es dann Regeln und Schilder.

Auf einer zweiten Ebene indes wird suggeriert, dass es eine Vernünftigkeit gibt, die aus sich heraus einsieht, dass bestimmte Handlungen nicht richtig sind. Zum Beispiel dort, wo das Schild steht, das Fahrradfahren. Das Problem, das viele andere Regeln kennzeichnet: Eindeutig ist der Anwendungsbereich von Normen nie. Unter Umständen kann es sogar vernünftig sein, gerade hier Fahrrad zu fahren. Um einen Dieb zu verfolgen oder im Notfall Hilfe zu holen. Die Vernunft, auf die das Schild hinweist, ist nur eine situative Vernunft, die wohl meistens zutrifft – aber eben nur meistens.

Das Problem mit der begrenzten Vernunft von Regeln zieht sich durch die Moralgeschichte. Aus den biblischen Texten wissen wir, dass etwa auch Jesus mit Regeln und deren Reichweite – Stichwort Sabbatgebot – konfrontiert ist. Insofern kann die Vernunft, auf die das Schild abzielt, immer nur eine Vernunft sein, die sich nicht von der Regelhaftigkeit unterjochen lässt. Die auf den rechten Gebrauch der Vernunft abzielt. Wäre das allen immer klar, dann bräuchte man aber solche Schilder gar nicht ……

Wir wollen erinnern

Schlagwörter

, , ,

Eine Studentin schickt mir ein spannendes Fundstück. „Wir wollen erinnern“ lautet die Inschrift mitten auf der Berliner Straße in Würzburg. In der Ethik steht in der Regel das „Sollen“ im Mittelpunkt, die sittliche Pflicht, die zu tun ist, das Gebot oder Verbot, das sich aus einer eingehenden ethischen Reflexion ergibt. Dass wir uns erinnern sollen, gerade angesichts der deutschen Geschichte, scheint weitenteils unbestritten. Unterbelichtet bleibt allerdings oft, dass die Ethik selbst nicht sittlich macht – und auch nicht automatisch für das sittliche Handeln sorgt. Es bedarf der Motivation, des Wollens der Menschen. Oft genug hakt es gerade hier: Ich weiß, was gut und richtig ist, aber das heißt noch lange nicht, dass ich das auch tue. Es gibt – gute – Gründe, eben nicht das Richtige zu tun. Bequemlichkeit, Geld, Gier, Unlust, Stolz … Andererseits reicht oft genug auch der gute Wille – trotz Kant – nicht aus. Schon der Apostel Paulus beklagt: „Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will.“ (Röm 7,19)

„Wir wollen erinnern“ evoziert allerdings den festen Wollen, dass Menschen nicht vergessen, dass sie sich erinnern und dass sie dieses Sich-erinnern für richtig und wichtig halten. Hinter dem Schriftzug steht eine Initiative, die an die Deportation von Juden aus Würzburg erinnert. Hier bekennen Menschen, dass sie nicht nur einem mögliche Pflicht wissen, sich zu erinnern. Sie bekennen auch, dass sie dieses Wissen in die Tat umsetzen möchten. Dass sie – sich und andere – erinnern wollen.

Wer das nicht weiß, der wird aber durch den Schriftzug daran erinnert, dass es überhaupt etwas zu erinnern gibt. Der könnte daran erinnert werden, dass Vergangenheit und Gegenwart miteinander verzahnt sind. Im eigenen Leben, aber eben auch historisch. Der könnte daran erinnert werden, dass zum sittlichen Handeln der Wille des Subjekts gehört, sein Handeln ethisch zu rechtfertigen. Insofern weist der Satz „Wir wollen erinnern“ nicht nur in die Vergangenheit und die Deportation von Menschen, denen das Mensch-sein, die Menschenwürde abgesprochen wurde. Er reicht auch in die Gegenwart und berührt die Frage, wie Menschen Wollen und Sollen überhaupt zusammenbringen.

Mehr Informationen zu dieser Initiative gibt es unter http://wir-wollen-uns-erinnern.de/

Nur ein Spaß?

Schlagwörter

, , , , ,

Darf der Papst ein Satiremagazin verklagen? Versteht er keinen Spaß? Gegenstand des Streits, der gestern vom Hamburger Landgericht entschieden wurde: Auf dem Juli-Titelblatt der »Titanic« ist Benedikt XVI. abgebildet – die untere Hälfte der weißen Soutane ist durch einen gelben Fleck verunziert. Auf der Rückseite des Blattes gibt’s das gleiche Bild nur in Rückenansicht. Hier findet sich ein brauner Fleck auf der Kleidung.

Das Titelbild der »Titanic« spielt auf die sogenannte Vatileaks-Affäre auf – und die Suche nach der ‚undichten Stelle‘ im Vatikan. In ziemlich platter Weise gibt das eine Menge Anspielungen rund um das Thema Inkontinenz her. Ob das ein Spaß ist? Witzig ist? Wohl nur für den, der auf Fäkalwitze steht.

Papst Benedikt XVI. setzt sich gegen Titel und Umschlag der Juli-Ausgabe der >Titanic< zur Wehr.

Papst Benedikt XVI.

Die Juristen werden jetzt klären müssen, was schwerer wiegt. Das Recht der Satire, die durch Meinungsfreiheit und künstlerische Freiheit gedeckt ist, oder das Persönlichkeitsrecht des Papstes. Satire hört da auf, wo sie allein darauf zielt, eine Person zu diffamieren, kurz: wenn sie nur für banale Beleidigung und Herabsetzung steht. Hier zeigt sich deutlich, dass hinter dem Recht eine doppelte moralische Überzeugung steht: Einerseits hat Witz, Satire, Humor das Recht auf seiner Seite – letztlich die Freiheitsrechte des modernen Staates. Andererseits spricht gerade dieser Staat dem Individuum Rechte zu, die unantastbar sind. Dass da Konflikte programmiert sind, macht deutlich: Moral ist nicht einfach nur eine Ordnungsinstanz, sondern dient eben auch dazu, wie schon Luhmann betonte, „Streit zu erzeugen, (…), und den Streit dann zu verschärfen.“

Mit Kant ließe sich in dem konkreten Fall durchaus fragen: Könnte jeder, der das Titelbild der »Titanic« als großen Spaß versteht, sich vorstellen, dass er so auf einem Satiremagazin dargestellt wird? Das kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Deshalb kann ich den Papst verstehen, wenn er da keinen Spaß versteht. Obwohl ich frage, ob es nicht vielleicht klüger gewesen wäre, zu schweigen. In ein paar Tagen wäre die Auflage verkauft gewesen – und wahrscheinlich hätte es kaum jemand gemerkt ….

P.S. Ist es eigentlich rechtens, wenn die einstweilige Verfügung der »Titanic« untersagt, die Titelseite und die letzte Seite abzudrucken, und eben diese Titelseite in unzähligen Online-Zeitungen zu finden ist?

Ethik. Ein Sachcomic

Schlagwörter

, , ,

Die Idee ist bestechend. Fast so gut wie >Ethik für Dummies<. Ethik mal nicht als dröge Wissenschaft serviert, sondern als Comic. 2011 herausgekommen, 2012 die zweite Auflage: >Ethik. Ein Sachcomic< kommt offenbar an. Ist ja auch ein handliches Taschenbuch. 176 Seiten. Und kostet nur ein paar Euro.

Was man dafür kriegt? Auf jeden Fall und leider kein Inhaltsverzeichnis. Wer was sucht, muss sich durchsuchen. Eine grobe Gliederung: Einführung in die Ethik (3-24); Geschichte der Ethik (25-133); Feministische Ethik (134-139); Umweltethik (140-145); Ethik und Tiere (146-155); Sterbehilfe (156-173). Das zeigt: Der historische Durchgang steht im Mittelpunkt des Buches. Alles sehr knapp und lesbar – aber an Weischedels Philosophische Hintertreppe kommt das nicht ran. Die Themen der Angewandten Ethik sind beliebig. Eine systematische Übersicht oder gar eine Einführung in Angewandte Ethik findet sich nicht.

Robinson/ Garratt: Ethik. Ein Sachcomic

Robinson/ Garratt: Ethik. Ein Sachcomic

Und auch ein Comic gibt es nicht fürs Geld. Es gibt zwar auf jeder Seite Schwarz-weiß-Zeichnungen und Sprechblasen. Aber das sind eher Illustrationen. Ethik bebildert. Wer etwas über die Stoiker, David Hume oder die Tugendethik erfahren will, muss immer den Text lesen. Die Bilder sind verzichtbar.

Kurz: Unter >Ethik. Ein Sachcomic< hatte ich mir mehr Comic vorgestellt – und eine neue, spannende Art, ethisches Denken in Bilder und Geschichten umzusetzen. Das aber bietet das Buch nicht.

Dave Robinson/ Chris Garratt: Ethik. Ein Sachcomic, Überlingen (TibiaPress) 2011.

Leben können

Schlagwörter

, , , ,

Manchmal lohnt es sich, für die aktuellen ethischen Fragen zurückzublicken. Eine der Fragen: Wie ist ein menschenwürdiges Leben möglich?

Alexander Mitscherlich

Alexander Mitscherlich (20.09.1908-26.06.1982)

Der Blick zurück kann zu Alexander Mitscherlich gehen – Mediziner, Psychoanalytiker und Essayist. Vor dreißig Jahren, am 26. Juni 1982, starb Mitscherlich. Und seine Frage war, wie ein menschenwürdiges Leben möglich ist. Das hat er sich nicht ausreden lassen – er hat es vielmehr immer wieder anderen ‚eingeredet‘. Etwa 1969, als er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandelns erhielt. Schon damals las er der versammelten, ehrwürdigen Festgemeinde die Leviten. Seine Kritik der bundesrepublikanischen Wirtschaftswundermentalität wollte niemand wirklich hören.

Genauso wenig wie seine Fragen: nach der Schuld der Deutschen am zigmillionenfachen Menschenmord in nationalsozialistischer Zeit, nach den Bedingungen für Frieden in Zeiten des Kalten Krieges, nach den Voraussetzungen eines menschenwürdigen Lebens für alle.

Zu diesen Themen kam er nicht von ungefähr. Seine Dissertation muss er abbrechen, weil sein Doktorvater Jude ist. Die Buchhandlung, die der junge Ex-Student aufmacht, wird 1935 von der SA geschlossen. Mitscherlich wird steckbrieflich gesucht und emigriert in die Schweiz. Er wird festgenommen und sitzt monatelang in Haft. Und nach dem Krieg beobachtet Mitscherlich – mittlerweile Mediziner – den Nürnberger Ärzteprozess, dokumentierte akribisch die grausamen Experimente nationalsozialistischer Ärzte. Sein Bericht bringt ihm den Ruf eines Nestbeschmutzers und Vaterlandsverräters ein. Erst Jahre später kann er veröffentlicht werden.

Seine Themen stehen heute noch auf der Tagesordnung. Seine Überlegungen zwingen mich zu einem genauen Blick auf die Welt: Auf die Vergangenheit, die nicht ruhen lässt, auf die Gründe für Krieg und Terror, auf die Suche nach einem Leben, das diesen Namen verdient.

Was ich spannend finde: In der Gegenwart veraltet alles schnell, nicht nur Popsongs, sondern auch der Sound der Sprache der Eltern und Großeltern. So klingt vieles an Mitscherlichs Schriften altbacken. Aber dass seine Frage nach einem menschwürdigen Leben auch meine ist, berührt mich. Er schreibt: „Nichts ist leichter als Tabus zu zerbrechen, und nichts schwieriger, als ein vernünftiges Zusammenleben zu organisieren.“

Liebesschlösser

Schlagwörter

, , ,

Kettenbrücke, Bamberg

Kettenbrücke, Bamberg

Seit einiger Zeit sind sie auch in Bamberg angekommen: Liebesschlösser. An der neuen Kettenbrücke hängen sie. Keine neue Erfindung. Je nach Lesart kommt der Brauch aus Italien oder Lettland. Die Idee: Liebespaare pilgern zu einer Brücke und bringen dort ein Vorhängeschloss an. Meistens gravieren sie vorher einen Liebesschwur ein: »In Liebe – Chris und Thomas« steht da. Oder: »Dennis und Maike. 12.07.«. Oder auch nur »A. und J.« – umrandet mit einem Herz. Auch in anderen deutschen Städten gibt es das. In Köln etwa hängen sie zu Tausenden an der Hohenzollernbrücke. Direkt unterhalb des gewaltigen Kölner Doms.

Zum Brauch gehört auch, dass der Schlüssel in den darunter fließenden Fluss geworfen wird. Die Bedeutung ist offenkundig: Die Liebe soll bleiben, sich nie mehr auflösen lassen.

Liebesschlösser an der Hohenzollernbrücke, Köln

Hohenzollernbrücke, Köln

Das Ethos der Hoffnung, dass aus den unzähligen Schlösser spricht, rührt an. Dass Beziehungen halten, ist alles anders als selbstverständlich. Trennungen sind an der Tagesordnung. Selbst Partnerschaften, die scheinbar unverwüstlich scheinen, gehen in die Brüche.

Die Schlösser dagegen erzählen vom Glauben an eine Liebe, die ewig hält, die alles überdauert. Und der Platz für diese Glaubenskundgabe ist gut gewählt. Auf Brücken sind alle unterwegs: Fußgänger und Radfahrer, Autos oder Züge. Brücken sind Transiträume. Und die Liebesschlösser behaupten gegen allen Durchgangsverkehr: Ihr könnt euch alle abhetzen und fahren, wohin ihr wollt – unsere Liebe bleibt. Und sie verbindet uns, so wie Brücken eben Ufer, Menschen und Landschaften verbinden.

Aus ethischer Perspektive ist der öffentliche Charakter der Liebesschlösser spannend. Liebe ist strukturell intim, privat. Die Liebesschlösser hingegen machen für jeden sichtbar, wer wen liebt. So wie traditionell auch öffentlich geschlossene Ehen sichtbarer Ausweis für eine Beziehung ist und war. Liebe braucht offenbar neben dem Privaten auch den öffentlichen Raum. Und sei es der Raum der Brücke.

Die Fußball-Religion

Schlagwörter

, , , , , ,

Fußball fasziniert. Auch Theologen. Und so lassen sich die Auseinandersetzungen im Spannungsfeld von Rasensport und Religion kaum mehr überblicken. Wie das funktioniert?

Fußball und Glaube werden häufig parallelisiert. Von beiden könne man die Zuversicht lernen, heißt es. Beide zeichnen sich durch ihren Hoffnungsmodus aus, ihre »Transzendenz nach vorne« (Bloch). Oder ganz praktisch: hier wie dort gibt es ein Zeichensystem, indem ein geringwertiges Gut (Hostie, Ball) zum Symbol für die Welt wird, hier wie dort gibt es Heilige, hier wie dort Gläubige, die zur Messe (dem Spiel, dem Gottesdienst) pilgern und sich mit Devotionalien ausrüsten (Fanschals, Kreuze ….) und Gesänge anstimmen.

Fußball gucken wird als spirituelle Erfahrung gedeutet. Der Hype um Fußball wird als Alltagswelt begriffen, deren Sprache, deren Bilder und Metaphern auch den Glauben ins Wort bringen können.  „Turek, der Fußballgott“, das „Wunder von Bern“, „Klinsi, erlöse uns“, die Fußball-Sprache importiert religiöse Begriffe und Vorstellungswelten.

Schließlich dient der Fußball auch als Kontrastfolie für Religionserfahrung, als Denkanstoß, was Kirchen vom Fußball lernen können: Wie Sinnstiftung funktioniert, wie Feste inszeniert werden, wie Lebensstil und der Glaube (an die eigene Mannschaft, den Verein, die Nationalmannschaft) Hand in Hand gehen. Und nicht zuletzt, wie sehr der Fußballgott den christlichen Gott substiuiert hat.

Was mich daran irritiert: Nur selten wird thematisiert, was diese Auseinandersetzung für den christlichen Glauben selbst austrägt. Nur selten Konsequenzen gezogen. Heißt die Popularität des Fußballs nicht auch, dass es dem Glauben nur unzureichend gelingt, seine Botschaft vom Spiel des Lebens sagen und feiern zu können – von der Hoffnung und der Zuversicht, vom schmalen Grat zwischen Gelingen und Versagen, von der engen Nähe zwischen Ekstase und Trauer? Und was folgt daraus für jeden Glaubenden? Welcher Christ glaubt denn schon so heiß und innig, wie mancher Fan an seine Mannschaft?

Das Nachdenken über Fußball und Glaube führt schließlich auch zur Frage der Haltung von Gläubigen, ist eine Frage des Ethos.  Sie verweist auf mich zurück: Wie lebe ich meinen Glauben? Wie bringe ich meinen Glauben zur Sprache? Wie lebensbestimmend und –orientierend ist mein Glaube? Ist das vergleichbar mit der Art und Weise, wie ich über Fußball rede, mitfiebere, meine Termine richte? Der Fußball wird dann zu einer Größe, die neu über den Glauben nachdenken hilft.

Literatur und Links

  • Bieger, Eckhard: Die Fußball-Religion. http://www.kath.de/religionundfussball/die-fussball-religion.htm (12.06.2012)
  • Bromberger, Christian: Fußball als Weltsicht und Ritual. In: Belliger, Andrea / Krieger, David J. (Hg.): Ritualtheorien. Ein einführendes Handbuch, Opladen 1998, 285-301.
  • Hansen, Klaus: Gott ist rund und der Rasen heilig, in: RL. Zeitschrift für Religionsunterricht und Lebenskunde 33 (2004) 1, 3-8.
  • Merkt, Andreas (Hg.): Fußballgott. Elf Einwürfe, Köln 2006.
  • Noss, Peter (Hg.): fussball ver-rueckt. Gefühl, Vernunft und Religion im Fußball. Annäherungen an eine besondere Welt (Forum Religion und Sozialkultur B 15), Münster 2004.
  • Prosser, Michael: Fußballverzückung beim Stadionbesuch. Zum rituell-festiven Charakter von Fußballveranstaltungen in Deutschland. In: Herzog, Markwart (Hg.): Fußball als Kulturphänomen. Kunst, Kultur, Kommerz, Stuttgart 2002, 269-292.
  • Eine Sammlung mit Links zur Fußball-WM 2010 zum Themenkomplex Fußball und Theologie findet sich unter http://www.muenster.de/~angergun/fussballwm2010.html. Hinweise auch unter http://www.leisser.de/

Der verirrte Messias

Schlagwörter

, , ,

Was, wenn Jesus dann doch wiederkommen würde? Knapp 2000 Jahre nach seinem Tod, seiner Auferstehung und Himmelfahrt – kurz: nach dem endgültigen Ende aller realen Erfahrungen, die Menschen mit diesem Menschen Jesus machen konnten.

Waren die ersten Jünger noch der Meinung, dieser Jesus komme schon bald, so verflüssigte sich diese Hoffnung im Laufe der Jahre, dünnte aus. Bis heute. Ich kenne keinen Christen, der in der Erwartung lebt, Jesus komme sehr bald wieder. Was verständlich ist. Denn wie soll dieser Jesus denn auch kommen – so kommen, dass wir es mit unserem naturwissenschaftlich-technischem Weltbild überhaupt deuten könnten.

Buchumschlag

Peter Henisch: Der verirrte Messias (dtv)

Der Autor Peter Henisch hat einem Roman genau zu diesem Thema geschrieben: »Der verirrte Messias«. Henischs Jesus heißt Mischa. Barbara, so fängt der Roman an, begegnet ihm ihn der Abflughalle des Frankfurter Flughafens. Barbara ist Literaturkritikerin und Atheistin. Sie reist nach Israel, will Ferien machen. Mischa dagegen ist auf der Suche nach einer Geschichte, seiner Geschichte. Denn er ist überzeugt: Er ist der wiedergekommene Jesus.

Henisch erzählt diese Geschichte von Barbara und Mischa verstörend heutig. Einerseits lebt Mischa/Jesus in den biblischen Geschichten, andererseits hat er eine Biographie, die ihn im 21. Jahrhundert verortet. Immer wieder streut Henisch apokryphe Storys ein. Der römische Soldat Panthera, der angeblich Jesu Vater war, oder dass Jesus gar nicht am Kreuz um Leben gekommen war, bis hin zu der Geschichte, dass auch die Auferstehung Betrug sei. Dass die ganze Messiasgeschichte, die ganze Erlösungsvorstellung Teil eines eingefädelten Komplotts sei. Und dass Jesus und mit ihm Mischa nur ein verirrter und verwirrter Messias war und ist.

Aber dem stellt Heinisch immer wieder Szenen gegenüber, in denen doch aufscheint, dass dieser Jesus mehr war – mehr als nur ein Mensch, der von anderen zum Messias-Sein genötigt wurde. Wie die Schlussszene, die verblüffend an die Emmaus-Geschichte erinnert.

Peter Henisch wagt ein spannendes Experiment. Knüpft an die Erwartung der Wiederkunft an – und bricht diese Erwartung. Denn der Jesus, der wiederkommt, ist – wieder – ein Mensch. Und hat als Mensch alle Probleme, sich in seiner Messias-Geschichte zurechtfinden. Für mich heißt das: Wenn Jesus kommt, muss er nicht wieder als Mensch kommen? Und: Lässt er sich dann vielleicht auch von jedem finden und entdecken? Kurz: Ist der Glaube von der Wiederkunft Christi nicht als Glaube zu deuten, dass Gott in Menschen zur Welt kommt? Immer wieder? Und auf genauso ungewöhnliche Art und Weise, wie damals – vor 2000 Jahren?

Peter Henisch: Der verirrte Messias, München (dtv) 2012. Isbn 978-3-432-14111-6

Der unendliche Wert des Lebens

Schlagwörter

, , ,

Ein 20-Euro-Geldschein ist immer ein 20-Euroschein. Da kann er noch so schmuddelig sein. Allerdings ist er nicht immer gleich viel wert. In einem Restaurant gibt’s dafür eine komplette Mahlzeit, im anderen nur die Vorspeise. In einem Land gibt’s dafür nur ein schickes T-Shirt, anderswo dagegen mehrere.

Geld hat nicht immer den gleichen Wert. Und das unterscheidet es vom Menschen. Denn der Mensch ist überall und zu allen Zeiten gleich viel wert.

Diese Überzeugung ist jahrhundertealt. Sie findet sich schon in den biblischen Schöpfungsgeschichten. Hier ist der Mensch gut, »sehr gut« sogar. Kein Wunder, der Mensch wird nach Gottes Abbild geschaffen. Er ist, so erzählen es die biblischen Autoren, in Gottes Augen unendlich wertvoll. Ohne Wenn und Aber. Er ist wertvoll, weil er Mensch ist – unabhängig davon, was er leistet, kann oder weiß.

Der Philosoph Immanuel Kant hat diese Vorstellung untermauert. Kant spricht vom Menschen als »Zweck an sich selbst«. Das heißt: Er ist nie bloßes Mittel zum Zweck, er existiert um seiner selbst willen. Der Wert des Menschen lässt sich damit nie gegen andere Werte aufrechnen.

Allerdings lässt sich täglich erleben, dass der Wert des menschlichen Lebens doch berechnet wird.

Wenn ich ein Auto kaufe, dann eins, das ich bezahlen kann – und das den Sicherheitsstandard hat, den ich für sinnvoll halte. Ich muss die Frage beantworten: Wie viel wert ist mir meine Sicherheit? Würde ich den Menschen praktisch für unendlich wertvoll halten, müsste ich unendlich viel Geld auszugeben, um mich gegen alle Verkehrsrisiken abzusichern.

Der Staat macht das ebenso. So sollen die Kampagnen gegen AIDS zu weniger Erkrankungen und Todesfällen führen. Auch hier muss gefragt werden: Wie viel darf eine solche Kampagne maximal kosten? Denn der Staat kann für die AIDS-Aufklärung nur einen gewissen Höchstbetrag aufwenden, sonst hätte er für andere Aufgaben kein Geld mehr – und könnte hier das Leben von Menschen nicht schützen.

Beide Beispiele zeigen: Dem Menschen und seinem Leben wird alltäglich ein Geldwert zugesprochen. Und trotzdem ist zu bedenken, dass Menschen eben mehr wert sind als es in Euro ausgedrückt werden kann.

Wie lässt sich der unverrechenbare Wert des Menschen, seine Menschenwürde, mit dieser alltäglichen Bewertung ganz praktisch zusammenbringen?

1. Die Rede vom Wert des Menschen beinhaltet die Selbst- und die Fremdperspektive. Menschen müssen also nicht nur sich selbst als Zweck an sich selbst achten, sie schulden diese Achtung auch allen anderen Menschen. Es verbietet sich deshalb, über Wert oder gar Lebenswert des Menschen zu urteilen.

2. Überall da, wo der Wert des Menschen missachtet wird, braucht es solidarisches Handeln. Missachtung kommt in vielen Zusammenhängen vor. Direkt, wenn jemand gedemütigt, unterdrückt, versklavt wird. Indirekt, wenn es niemanden kümmert, dass Arbeiter in China unter erbärmlichen Bedingungen die neuesten Computer zusammenschrauben, oder dass die neue Modekollektion zu Hungerlöhnen in Nordafrika gefertigt wird.

3. Unethisch sind alle Formen der Ausgrenzung. Er darf nicht sein, dass Menschen aufgrund ihrer Religion, ihrer Herkunft oder auch ihre geistigen oder körperlichen Fähigkeiten als wertlos gelten. Das Grundgesetz hält diese Überzeugung in dem Satz fest: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

4. Ein Leben kann nicht gegen ein anderes verrechnet werden. Die teure Therapie für ein leukämiekrankes Kind in Deutschland und die Malariavorsorge in Zentralafrika sind gleich wichtig. Die Achtung vor dem Menschen gebietet deshalb, sich für beides so gut es geht einzusetzen.

Wenn jeder Mensch unendlich wertvoll ist, läuft die Rede vom Wert des Menschen ins Leere. Damit steht ein Blickwechsel in der Bewertung des menschlichen Lebens an. Er will den Blick weg von der Bewertung hin zum Recht aller Menschen auf ein menschwürdiges, wertvolles Leben lenken. Und damit einen Raum zu schaffen, in dem es eben nicht um Zahlen geht – sondern um den ganzen Menschen.

Artikel für die Jahresserie „Respekt – Wie wir Werte bewahren“ in der Kirchenzeitung >Glaube und Leben<, Nr. 21 (27.05.2012) S. 13.